
Interview: Calvato
von Jan Metzmacher
Nackte, schmutzige und gefesselte Frauen lassen sich in der Galerie von Calvato bewundern. Seit 1994 fotografiert er mit einfacher Technik und lässt beeindruckende Werke entstehen. Seine Fotos zeichnen einfache Farben und ausgefallene Posen aus. Der Künstler im Interview.
Calvato
Fotografische Kunstwerke
Die faszinierenden Arbeiten können Sie auf der Website des Fotografen
betrachten. Dabei schocken besonders die Fotos mit Blut und ausgefallene, exotische Motive der Kategorie »Evil Stuff«.

Aus der Kategorie »Non Nudes« der Website
Rede und Antwort
Die Fotografie ist Ihr Hobby. Warum?
Für mich ist Kreativität extrem wichtig. Ich war schon immer sehr rege in dieser Richtung, habe gemalt und Musik gemacht. Mittlerweile bin ich Musiker von Beruf und Fotografie ist meine Leidenschaft.
Zur Fotografie bin ich über einen Freund gekommen. Zu der Zeit habe ich Pin-Ups gezeichnet und er wollte, dass ich ihm dabei helfe seine Freundin als Akt zu fotografieren. Also habe ich Ideen gesammelt & Skizzen gemacht. Er hat fotografiert und ich sozusagen “Regie” geführt. Das lief so gut, dass wir die gesamte Verwandschaft & Bekanntschaft fotografiert haben.
Später hatte mein Kumpel immer weniger Zeit, und ich aber Lust weiter diesem Hobby nachzugehen. Also lieh ich mir seine Kamera, ließ mich kurz einweisen und habe selber Fotos gemacht. Das war 1994.
Generell fotografiere ich, weil ich es liebe Neues zu erschaffen, mit Menschen zu kreativ zu sein, Leute kennen zulernen, auch schon mal in Abgründe zu schauen. Was natürlich auch toll ist, wenn man Feedback aus der ganzen Welt auf seine Fotos über die Webseite und die Veröffentlichungen bekommt.
Was wollen Sie Ihren Fotografien vermitteln?
Ich kann und möchte meine Fotos nicht erklären. Jeder hat idealerweise dabei seinen eigenen Film im Kopf. Beim Shooting improvisiere ich mit meinem Modell, treiben einfach ne Menge Unfug. Geplant wird fast gar nicht. Und im Idealfall kommen am Ende gute Fotos dabei heraus!
Welche Techniken oder Stile nutzen Sie?
Meine Technik ist generell extrem simpel. Ich hab ne Kamera, 1-2 Objektive und ein Modell. Normalerweise nicht mehr. Ich fotografiere am liebsten auf einer coolen Location, die ansich schon eine besondere Atmosphäre hat. Ich nutze so gut wie nie zusätzliches Licht, sondern nur das, was schon vorhanden ist, also “available light”. Der Rest wir einfach improvisiert.
Was meine Nachbearbeitung angeht beschränkt sich das fast ausschließlich darauf, dass ich eine Gradationskurve hereinschmeiße. Das geht sehr schnell und das muss es bei mir auch, denn alles was in der Nachbearbeitung über 20 Sekunden dauert ist mir zu lästig. Und wenn ich mal 2 Minuten für ein Bild brauche, habe ich beim Fotografieren etwas grob falsch gemacht.
Bei vielen Ihrer Arbeiten dominiert die Farbe Blau?
Als ich noch analog fotografiert habe, hab ich fast ausschließlich mit S/W-Filmen fotografiert. Denn normale Farbfilme waren mir immer “zu bunt”, sahen irgendwie billig aus. Als ich dann aus Kostengründen zum digitalen Medium gewechselt bin, habe ich die Fotos auch meist in S/W gewandelt. Irgendwann bin ich (nach Hilfestellung eines befreundeten Fotografen) auf den Trichter gekommen, den Farbfotos durch einen falschen Weißabgleich die Farbigkeit zu nehmen und das Monochrome zurück zu geben. So haben meine Bilder zwar Farbe, sind aber nicht zu “bunt”.
Wie finden Sie solch beeindruckende Locations?
Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal entdecke ich sie einfach beim Herumfahren, manchmal sind es Tipps von Freunden oder Modellen. Allerdings muss man sagen, dass fast alle meiner Locations den Fotografen hier in der Umgebung auch bekannt sind, ich hab leider keine “Geheim-Location”, die nur ich kenne. Und es werden ja leider auch immer weniger, denn die meisten werden abgerissen oder modernisiert.
Ich denke, der Punkt warum die Locations so besonders aussehen ist, dass ich dort in Ecken fotografiere, wo sonst keiner hingeht. Meine Kamera steht ja grundsätzlich auf 1600 ASA, meine Blende ist immer sperrangelweit offen, außerdem fotografiere ich bis zu einer Achtel Sekunde aus der Hand. Dadurch habe ich die Möglichkeit, in die letzten Winkel zu gehen, ohne blitzen zu müssen.

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ASA 1600? Rauscht das nicht wahnsinnig?
Dazu ein klares Jein. Zum einen habe ich keine Angst vor Rauschen. Das gibt den Fotos eine gewisse Rauheit, etwas Grobes. Fast schon wie mit einem 1600er Analogfilm. Andererseits lasse ich für meine Ausstellungen meine Fotos auch mal in 50×75 vergrössern und die sehen immer noch gut aus, oder auch auf Magazin-Doppelseiten ist es für mich immer noch nicht zu verrauscht. Dazu fällt mir gerade ein lustiger Kommentar zu einem meiner Fotos ein, wo jemand mir unterstellte, dass ich immer extra eine grobe Körnung in meine Fotos einrechnen würde! Nee, die Körnung ist echt!
Worauf achten Sie beim fotografieren?
Mir ist Ausdruck und Dynamik sehr sehr wichtig. Dabei verfolge ich meine eigene Philosophie: Ich gehe davon aus, dass das Foto immer etwas von dem schluckt was ich durch die Kamera sehe, deshalb überzeichne ich ALLES. Meine großen Vorbilder hierbei sind alte, deutsche Stummfilme, von Murnau & Lang etc. Weil damals ja die Ausdrucksmöglichkeit Sprache fehlte, war jede Geste und jede Mimik über-dramatisch, alles völlig übersteigert. Und für meine Fotos habe ich das zum Teil übernommen, denn mir fehlen bei der Fotografie ja die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache, der Musik und der Bewegung.
Die Posen meiner Modelle können mir meist nicht dynamisch genug sein, ich lasse sie sie extrem übertreiben. Bei der Perspektive versuche ich, die Wirkungsvollste für das Bild zu finden. Wenn das Modell stark oder majestätisch aussehen soll, werfe ich mich mit meinem Weitwinkel vor ihr in den Staub, um sie möglichst groß aussehen zu lassen. Ich lasse die Kamera auch selten völlig gerade, oft unterstützt eine gewisse Schräge die Dramaturgie.
Ich versuche also mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, die Wirkung des Fotos zu erhöhen.

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Wie reagiert denn das Publikum auf Ihre Bilder?
Sehr unterschiedlich. Die einen finden meine Fotos ekelhaft und können da gar nichts mit anfangen. Andere hatten schon Assoziationen zu KZ-Lagern, was ich persönlich sehr befremdlich finde. Widerum andere stellen mein Frauenbild in Frage, vor allem weil ich Frauen oft nackt, schmutzig & gefesselt zeige. Aber es gibt auch Menschen, die meine Fotos mögen.
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass meine Art der Fotografie hierzulande eher als “normal” empfunden wird, im Ausland, vor allem ausserhalb Europas, sind meine Pix sehr exotisch, “typisch deutsch”. Ich bin so´ne Art “Rammstein der Fotografie” (lacht).
Gibt es ein Thema, das Sie herausfordern würde?
Fashion! Richtig gute High-End-Fashionfotos machen zu können, fänd ich großartig. Aber leider hätte ich dafür viel zu wenig Geduld, sowohl bei der Erstellung der Fotos als auch bei der Nachbearbeitung.
Okay, Themenwechsel: Ihr Equipment?
Bis vor einem Jahr war es eine Canon 300d mit Kit-Objektiv (18-55mm) und einem 50mm 1,8. Mittlerweile ist es die Canon 400d. Zusätzliche Licht benutze ich so gut wie nie. Wenn ich aber in dunklen Indoor-Locations eine Lichtquelle benötige, benutze ich meine 50w-Halogen-Schreibtischlampe oder 2 Neonleuchten. Aber eben nur im Notfall.
Zu guter Letzt: Haben Sie einen Tipp parat,…
Einige, aber ich lasse noch ein paar Geheimnisse offen, damit auch später noch interessierte Menschen meine Workshops besuchen (grinst). Das Wichtigste: kämpft um gute Fotos! Viele Fotografen geben sich zu schnell zufrieden, versuchen nicht das Optimum herauszuholen. Warum nicht das Motiv aus jeder halbwechs sinnvollen Perspektive fotografieren? Warum nicht mit dem Modell Variationen ausprobieren? Manchmal ist das erste Bild vom Motiv das Beste. Manchmal aber auch erst das Fünfzigste und manchmal ergeben sich aus den Variationen noch Steigerungen, an die man vorher nicht gedacht hat
2 Kommentare zu Interview: Calvato
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beate brauner
Am 15. August 2010 um 19:36 Uhr
poetisch brutal und großartig
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tompho kernar
Am 31. August 2010 um 13:25 Uhr
ich kenne und schätze kai und seine arbeiten seit bald einem jahrzehnt. und bin immer wieder aufs neue fasziniert von seiner bildsprache und seiner "nicht-technik". wenn es auf dem foto.planeten einen RESTLICHTVERWERTER gibt, dann ist es meister calvato!
love&respect :)
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